Freitag, 11. Dezember 2009

Visuelle Leseproben





Zugegeben: ich bin faul. Manche würden sogar behaupten: stinkfaul. Deshalb freue ich mich immer ganz außerordentlich, wenn ich mit keinem Aufwand ein passables Ergebnis erziele. Und obwohl das Lesen als lebenswichtig erachtet werden kann, ödet es mich meistens an, unzählige Leseproben durchzuwühlen, um neuen Stoff ausfindig zu machen.

Aus diesem Grund bin ich sehr angetan von dem kürzlich entdeckten Zehn Seiten Projekt. Hier lesen Autoren zehn Seiten aus dem eigenen Werk, und zwar auf Video. Das ist manchmal sehr lustig anzusehen, manchmal ein wenig rührend, manchmal so fesselnd, dass man sich wünscht, der oder die läse jetzt bitte das komplette Buch vor.

Schöne Idee. Angucken.

Donnerstag, 10. Dezember 2009

Banana Yoshimoto: Tsugumi









Heute komme ich mal sofort zum Punkt: Dies ist die Geschichte vom letzten gemeinsamen Sommer zweier japanischer Mädchen auf der Halbinsel Izu. Die Ich-Erzählerin Maria ist ein höfliches, empathisches, fleißiges Wesen, ihre Freundin Tsugumi das teuflische Gegenteil. Zusammen aufgewachsen in einem kleinen Gasthof, der nach dem Sommer dem Bau einer Hotelanlage zum Opfer fallen wird, verbringen die beiden einen allerletzten Sommer am Ort ihrer Kindheit.

Das ist keine Handlung, die einen auf den ersten Blick vom Hocker reißt. Tatsächlich klingen die bloßen Fakten langweilig. Ist das Buch aber mitnichten. Yoshimoto versteht es nämlich sehr gut, ihre Figuren mit hochinteressanten Eigenschaften auszustatten. Tsugumi zum Beispiel ist todkrank und hat aus nicht näher geklärten Gründen keine allzu hohe Lebenserwartung. Diesem gebrechlichen Körper steht ein unbändiger, wütender und lebenshungriger Geist gegenüber – eine Diskrepanz, die viel Raum für Überraschungen lässt.

Im Kern ist Tsugumi ein Buch über den Abschied von der Kindheit. Darüber, dass man erwachsen wird, obwohl man sich noch gar nicht bereit dafür fühlt und über die Seelenschmerzen, die diesen Prozess begleiten. Es ist ein Buch vom Erinnern und der Melancholie, vom Loslassen und vom Wiederfinden.

Ich bin mir sicher, dass es unter uns nicht wenige gibt, die noch sehr genau wissen, wie das eigentlich war mit der elenden Pubertät und den ständigen Kämpfen mit sich selbst und der Welt. Ich weiß es jedenfalls noch: nie wusste man, wohin man denn nun gehören soll und sicher war man sich, dass man keinesfalls älter als 30 werden kann. Eher sterben als Spießertum! Eltern wissen gar nichts! Und niemand im Universum hat jemals solchen Weltschmerz empfunden oder wird ihn je empfinden! Hach ja. Für’s Protokoll: ich bin 31. Mein 16-jähriges Ich fände mich hoffentlich nicht völlig scheiße. Ist aber vermutlich bloß ein frommer Wunsch.


Freitag, 4. Dezember 2009

Bastelstunde mal anders.

Heute gibt es keine Rezension, sondern eine kleine Geschichte. Ein Mini-Märchen. Das fand ich so hübsch, dass ich es Euch nicht vorenthalten will. Bitteschön:








Windhundeleben.

Nachts schneite es, zum ersten Mal in diesem Jahr. Ich stand an meinem Küchenfenster, die Beine an die glucksende Heizung gelehnt, und schaute mit lautloser Begeisterung in das Rieseln draußen. Das Fenster gegenüber blinkte rot und grün und sternförmig, denn meine Nachbarn hielten nichts von dezenter Adventsbeleuchtung. Es war die Nacht vor Nikolaus: ein magisches Konzentrat der Vorweihnachtszeit. Die Welt roch nach Keks. Mir wurde prompt heimelig zumute, und sogar durch die Doppelverglasung drückte sich die Stille des Schneefalls in meine warme Küche. Ich dachte, dass ich jetzt gerne eine Patchworkdecke hätte, auch ein Kamin wäre schön gewesen.

Der zerkratzte Dielenboden knarrte. Ein passendes Geräusch. Um den Türstock bog der Hund und näherte sich auf seine übliche unaufdringliche Art. Ich drehte mich nicht um, als er leise heran kam und meine Kniekehle mit der Schnauze anstupste. Der Hund stellte sich an meine Seite und kommentierte gewohnt sarkastisch die nachbarliche Fensterdekoration. Ich schalt ihn scherzhaft einen Zyniker. Er belustigte sich über meine Schwäche für Kitsch. Eine Weile standen wir nur da, aus dem Fenster schauend, die jeweiligen Vorderpfoten auf die Fensterbank gestützt.

Ich schlug vor, morgen ganz früh aufzustehen, damit wir die ersten im Schnee wären, denn die Verwüstung einer unberührten Schneedecke war des Hundes liebstes Hobby. Der Hund zögerte, und zumindest rückblickend erscheint mir schon dieses Zögern unheilvoll. "Dieses Jahr muss ich passen, tut mir echt leid", sagte der Hund schließlich und sah mir mit seinen mitfühlenden Windhundaugen in die Seele. Ich muss verwirrt ausgesehen haben, denn der Hund sprach schnell weiter. "Ich wollt es Dir gar nicht sagen, aber jetzt wo Du so guckst...also, es ist so, dass ich morgen früh nicht mehr lebe. Das ist mein letzter Tag." Ich musste es glauben, weil Hunde nicht lügen können, wie jeder weiß. Trotzdem fragte ich ihn mit meiner in Watte gepackten Zunge, warum er das sage, warum erst jetzt, warum ausgerechnet jetzt, und warum so banal, was das denn bitte solle, ich fände das nicht lustig. Der Hund schwieg. Woher er denn überhaupt wisse, dass er sterbe, fragte ich bockig.

"Wir wissen das eben. Ist so. Nicht weiter schlimm. Hundekram, kann ich nicht erklären" lächelte er und legte mir mit einem knappen Verweis auf sein hundeunübliches Alter tröstend die Schnauze aufs Knie. Ich strich fassungslos und mit einiger Zwanghaftigkeit über das warme Fell und wartete auf irgendeinen Gedanken. Es kam keiner. Ich wünschte mir, der Hund hätte seine vorlaute Klappe gehalten und verfluchte mein blödes Glücklichsein ein paar Minuten zuvor.


Dann sagte ich zum Hund, wir müssten jetzt ja wohl ausnahmslos alle Minuten nutzen, die wir noch zusammen hätten, außerdem gäbe es da noch eine unberührte Schneedecke zu verwüsten. Er schüttelte den grauen Kopf (denn Hunde haben keine Angst vorm Sterben) aber verstand mein junges Herz, das den Tod nicht kannte. Schweigend zogen wir uns also an und knarzten durch das stille Treppenhaus, knirschten Seite an Seite über den flauschigweißen Innenhof auf die leere Straße. Bäume trugen Lichterketten, und selbst der einsame Polizeiwagen, der lautlos vorbei schlich, hatte rot-grüne Blaulichter. Am Ende der Straße betraten wir den mondhellen Park.

Der Hund verwüstete ordnungsgemäß die glitzernde Schneefläche und schnappte nach Flocken, um mich zum Lachen zu bringen; er wies mich auf die scheuen silbernen Geister der Hasen, Füchse und Vögel hin und mahnte mich zum Mundhalten. Traurig war ich nicht, denn die Trauer würde ohnehin zu früh kommen, das wusste ich so sicher, wie dass die Erkenntnis zu spät kommen würde. Der Hund vollzog seine undurchschaubaren Abschiedsrituale, er schnüffelte hier und kratzte da; ich folgte ihm, wie ich ihm immer gefolgt war. "Ich habe alles gesehen, ich möchte nach Hause" sagte er am Ende, ich hörte Schmerz in seiner Stimme und erschrak. Auf dem Weg die Treppen hoch trug ich ihn.

Ich schloss unsere Wohnungstür auf und kümmerte mich nicht um den Schnee, den wir herein trugen, der kleine kalte Pfützen auf dem Holzboden hinterließ. Die Küche lag so still und warm da, wie wir sie verlassen hatten, das Nachbarfenster blinkte noch immer – ein einsamer Außenposten in der Dunkelheit. Ich dachte darüber nach, wie sehr ich das mochte. Der Hund sah es und verdrehte die Augen. Als wir nebeneinander auf dem knautschigen Sofa lagen, Arm in Arm, schöpfte ich Hoffnung: die Dämmerung würde bald kommen, und die Nacht würde den Hund nicht mitgenommen haben. Ich beschloss, einfach wach zu bleiben. Und sackte gleich darauf weg, eingelullt vom Schnaufen des träumenden Hundes.

Noch bevor ich die Augen öffnete, wusste ich, dass ich allein in der Küche war. Die Hülle des Hundes lag warm an meiner Schulter. Ich drückte mein Gesicht in das Fell, es roch noch nach Schnee. Die Trauer winkte von weitem. Etwas verfing sich in meinem Augenwinkel, und ich schaute zum Fenster.

Was vorher eine kalte Fläche war, hing jetzt voller blinkender Sterne, rot und grün. Lichterketten wanden sich um den Fensterrahmen.

Ich konnte nicht anders, ich musste lächeln.

Dienstag, 1. Dezember 2009

Bastelstunde, Teil 4.





Ich freue mich immer wie Bolle, wenn sich jemand an der Bastelstunde beteiligt. Weil ich dann nämlich nicht selber schreiben muss und trotzdem veröffentlichen darf. Deshalb heißen Dank an L*****, der seinen Namen dem Internet lieber nicht verrät (ich weiß ihn, sage aber nichts weiter).

Das offenbar recht skurrile Werk stammt von Marc-Uwe Kling und heißt Die Känguru-Chroniken. Ein wenig Hintergrundinfo gibt es hier. Jetzt halte ich aber meinen Mund. Bitteschön:


Hi!
Bei der Axt zu Gast möchte ich euch dieses Buch vorstellen.
Es handelt von dem Teppich, der das Zimmer erst so richtig gemütlich machte, vom Herrschafts-Knechtschafts-Verhältnis, der Jüdisch-Bolschewistische Weltverschwörung e.V., von kritischen Klingeltönen und der Sprache der Dummen – kurz, es geht um Zweisamkeit.
Ja, das mag zunächst etwas abschreckend wirken an einem Novembermontag, liest sich aber köstlich, zumal es keine Liebesgeschichte ist, sondern eine WG-Geschichte zweier ungleicher Mitbewohner.
Den Verfasser und Protagonist kannte ich zuvor nicht, er selber liest übrigens auch auf youtube daraus.
Aber, um des Buches willen, nicht empfehlenswert! Zu lahm, zu lieblos.
Doch hat das Buch auch seine Schwachstellen. Es präsentiert sich in ca. 100 Episoden, man könnte auch Dialogen sagen (nur träfe das nicht ganz den Kern) von denen die letzteren langsam an Sprutz verlieren. Da wird so das ein oder andere alte Thema neu verpackt. Naja. Für kurzweil hat es aber bei mir allemal getaugt, es liest sich recht angenehm, unbeschwert und greift dennoch mehr oder weniger gesellschaftskritische Themen auf: Nationalsozialismus, Knabis, Schnapspralinen, Gott, verdachtsunabhängige Personenkontrollen usf.
Für den Lesesessel eher weniger geeignet, eher mehr so für zwischendurch, für Bus, Bahn, Bachelorarbeit (ihr armen Schweine), dabei zaubert es euch ein Lächeln ins Gesicht.
Nun, ich war begeistert.


Dankeschön! 

Mittwoch, 25. November 2009

Jeffrey Eugenides: The Virgin Suicides








Jeffrey Eugenides und ich – das ist eine späte Liebe. Weil man ja auch als Axt ab und zu mal Schuhe kaufen, Geld verdienen und Knutschen muss, passiert es allzu oft, dass wundervolle Bücher oder gar ganze Autoren an mir vorbeirauschen.

Eugenides’ fabelhafter Roman Middlesex  war ein Weihnachtsgeschenk und hat mich für alle Zeiten mit dem Sujet des historisch angehauchten Familienporträts versöhnt. Und deshalb, nur deshalb, bin ich absolut willens und bereit, meine eherne Das-Buch-zum-Film-Regel zu brechen und hier über einen Roman zu faseln, den es im Bewusstsein der meisten Leute nicht gibt. Dies wiederum liegt am gleichnamigen Film von Sofia Coppola, der 1999 die Existenz des Buches medial überstrahlt hat. Und ich gebe in diesem Fall sehr gerne zu, dass der Film der literarischen Vorlage in nichts nachsteht.

Was Coppola jedoch nicht einzufangen vermag – aber das ist nicht ihre Schuld, sondern die der Gattung – ist Jeffrey Eugenides’ ganz spezielle Tonalität. Eugenides ist ein lyrischer, sensibler Erzähler, ohne jemals ins Kitschige abzudriften. Eine Kunst, die meiner bescheidenen Meinung nach nur wenige so gut beherrschen. Der Mann versteht es, große Themen wie Trauer, Schmerz und Schuld gleichermaßen feinfühlig wie pragmatisch anzufassen. Vermutlich liegt darin sein Talent: Emotionale Tornados werden greifbarer, sobald man sie auf die alltägliche Ebene herunterbricht.

The Virgin Suicides behandelt die unerklärlichen Selbstmorde von fünf Schwestern innerhalb eines Jahres in einer namenlosen Kleinstadt. Die „Lisbon-Mädchen“ üben auf die beobachtenden Nachbarsjungen eine mysteriöse Faszination aus, weshalb diese noch viele Jahre später anhand akribisch gesammelter „Beweisstücke“ versuchen, eine sinnvolle Deutung für die Selbstmorde zu rekonstruieren. Erzählt wird retrospektiv aus der Sicht der Nachbarsjungen, wobei der Leser nicht erfahren wird, wer dieser Ich-Erzähler eigentlich ist.

Wer einen schnellen Plot und einen potenten Stimmungsbogen sucht, für den ist The Virgin Suicides nichts. Denn das Ende des Romans wird schon am Anfang erzählt, es bleiben etliche Fragen offen, und eine Moral von der Geschicht’ gibt es auch nicht. Wenn ich mich festlegen müsste, würde ich sagen, dies ist ein Bonbon für die Fans von Donna Tartt . Aber zum Glück darf man ja Donna Tartt und Charlie Huston gleichzeitig mögen. 







Ach ja: Eugenides lebt übrigens in Berlin. Quasi um die Ecke. Liest hier jemand mit, der mir einen Interviewtermin besorgen kann? Irgendein Verlagsmensch, oder ein Zauberer? Wenn ja, dann...ja, was dann...also dann würde ich mir was fantastisches als Gegenleistung einfallen lassen.

Freitag, 13. November 2009

Außer Haus.





Besucher der "Axt" heute bitte bei der Astronautenbar klingeln.

Dort sitzt sie mürrisch am Tresen und lamentiert.

Donnerstag, 12. November 2009

Podcast Literatur






Das wollte ich schon längst mal erwähnt haben, aber da ich zur Zeit bis zum Hals in Arbeit stecke, vergesse ich glatt alles. O Gott, was ein langweiliger Satz.

Jedenfalls: nebenan in der Astronautenbar gibt es ja regelmäßig den 5x2= Podcast von Benno und Kobi zu hören, und der beschäftigt sich jetzt schon zum zweiten Mal mit dem Thema Literatur. Lieblingsbücher und so.

Könnt Ihr Euch hier anhören!

Zum Thema Lieblingsbücher bereite ich derzeit ebenfalls was vor. Voll interaktiv und so. Außerdem schwebt die Option "Video-Axt" sachte im Raum und ich bin zu Gast in der Astronautenbar. Nicht, dass Ihr denkt: Boah, diese Axt macht ja so GAR NICHTS mehr, das faule Stück, schrecklich. Wer das glaubt, ist ein konsumwütiges passiv-aggressives Brot mit zu viel Zeit irrt. Ich mach nämlich, oh ja. *Rechtfertigungsmodus aus*

Jedenfalls, viel Spaß beim Hören.

Freitag, 6. November 2009

Lyrik zum Anfassen, Teil 8






Nicht unbedingt leichte Kost zum Wochenende: Die Todesfuge von Paul Celan.

Bin gestern beim Zeitverplempern Aufräumen in meinem Archiv drüber gestolpert und finde, abseits des Deutschunterrichts lohnt eine Auseinandersetzung mit dem Werk Celans unbedingt. Eine "multimediale Annäherung" versucht das Celan Projekt  auf der gleichnamigen Website – ich kann nur empfehlen, bei Interesse mal vorbeizuschauen. Wow, ich bin heute wahnsinnig seriös. Was soll's...die Literaturwissenschaftlerin in mir ist halt nicht totzukriegen.



Die Todesfuge

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen
Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus Deutschland

dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith

Mittwoch, 4. November 2009

Und Lesen ist doch cool.






Wer sich gerade zu faul fühlt zum Selberlesen, oder sich komisch vorkommt, wenn er während der Arbeitszeit mit einem Buch erwischt wird, und darüber hinaus medienaffin veranlagt ist, dem möchte ich das folgende Projekt ans Herz legen.

Auf Liebestänze lesen allerlei Menschen jeweils eine Seite des gleichnamigen Romans von Rainer Schmidt. Dabei kann man ihnen nicht nur zuhören, sondern auch zugucken. Paul van Dyk bis Benjamin von Stuckrad-Barre : die Liste der Vorleser ist lang und bunt.

Hübsch, das.

Über den Roman als solches kann ich nichts sagen. Es ist natürlich möglich, dass das ganze Projekt eine schöne Seifenblase mit entsprechendem Inhalt ist, aber ich will ja nicht den Teufel an die Wand malen (übrigens meine Lieblingsphrase aller Zeiten).

Mittwoch, 28. Oktober 2009

Schlechten Appetit.





Ich bin mir sehr wohl darüber bewusst, dass meine Hasszyklen stetig kürzer werden. Aber das machen die Tage derzeit ja auch, und keiner wirft es ihnen vor. Also fühle ich mich ganz im Recht, wenn ich verkünde: ich habe einen neuen Aufreger gefunden!

Es gibt immer einen Grund, sich zu echauffieren – das sollte nicht als Pessimismus verstanden werden! Sondern eher als therapeutisch sinnvolle Kanalisierung diffuser negativer Gefühle. Das hätten wir geklärt, ich fühle mich frei.

Heute bin ich vielleicht sogar interdisziplinär unterwegs, denn meine Hassobjekte gibt es nicht nur in Buch- sondern auch in Fernsehform (die allerdings die Buchform erst ermöglicht, will ich anmerken): Kochsendungen und alle daran teilnehmenden Köche sowie die scheußlich jovialen Kochbücher, die damit einhergehen.

Es ist schlimm genug, dass Kochmarathons die neuen Gerichtssendungen sind. Überall wird pochiert, sautiert, werden Zucchinibetten liebevoll aufgeschüttelt. A-l-l-e-s muss selbst gemacht werden, gell Schatzi, weil doch in den Fertigprodukten Chemie drin is’. Und wie der Lichter das immer so drollisch präsentiert, härrlisch! Wenn’s den Lichter net gäb, das Fännsehn müsste den erfinden! Des is noch ein Original!

So, is gut jetzt.

Jedenfalls war ich kürzlich in einer gut sortierten Buchhandlung unterwegs, um mir ein ordentliches und unaufdringliches Koch-Lehrwerk zu beschaffen. Und fand mich am Ende umzingelt von Fernsehköchen. Jede popelige Küchensendung bringt ein eigenes Kochbuch raus. Jeder popelige Koch legt noch ne Biographie nach. Eine unaufhaltsame Lawine aus Pseudokultur und Bratensoße, garniert mit total lustigen Anekdoten aus dem Leben der Halbgötter Küchenchefs in weiß. Und dass Deutschland so unglaublich viele Sterneköche hat, die ihre wahre Erfüllung nur vor der Kamera finden, war mir auch nicht klar.

Für mich persönlich ist das Schlimmste daran der Schnauzbart von Horst Lichter. Wer will denn so was auf einem Kochbuchcover sehen. Das ist doch eklig. Verdirbt diese exaltierte Schenkelbürste nur mir den Geschmack? Wenn ich mir vorstelle, wie da die Reste von der Schweineschwarte drin verrotten: Horror. Aber er ist halt so witzisch.

Könnt ihr mir ein fernsehfressenfreies Kochbuch empfehlen, liebe Leser? Dann raus damit.

Mahlzeit,
Eure Axt

Shortlist, Teil 3









Eine Rubrik, die ich eigentlich regelmäßig bestücken wollte. Wenn ich nicht vergessen hätte, dass es sie gibt. Aber jetzt ist sie mir ja wieder eingefallen, und deshalb serviere ich im Anschluss diese beiden Snacks:


Haruki Murakami: Gefährliche Geliebte.

Ich lese derzeit permanent Murakami, weil ich Trost brauche. Gefährliche Geliebte allerdings fällt da ein wenig aus der Reihe. Grob gesagt, geht es darum, dass der Protagonist sich als Kind in seine beste Freundin verliebt, sie dann aus den Augen verliert, aber nicht vergessen kann. 25 Jahre später taucht die Frau urplötzlich wieder in seinem geordneten Leben auf und wirbelt es gehörig durcheinander. Der Held hat inzwischen Frau und Kinder und gerät in ein herzhaftes Gefühlschaos. Murakami entwirft hier ein meines Erachtens recht teeniehaftes Bild von der perfekten Seelenverwandschaft, das in seiner unreflektierten Naivität nie wirklich berührt. Es gibt ein paar gelungene Sexszenen. "Gefährlich" ist aber was anderes.


Jeffrey Eugenides: Middlesex.

Ein Bestseller, der es verdient. Tatsächlich wünscht man diesem Buch, dass es von vielen Menschen gelesen und geliebt wird. Ich persönlich mag solche Mehr-Generationen-Familienporträt Romane gar nicht, aber Middlesex ist ein Juwel. Eugenides erzählt so warmherzig, humorvoll und präzise, dass es eine reine Freude ist. Handlungsfäden werden sorgfältig verwoben und verknüpft, an Bizarrem wird nicht gespart, und auch nicht an sauberer Recherche und großer Liebe zu den Figuren. Ach ja, der Plot: Calliope leidet unter einem seltenen Gendefekt – sie wird als Mädchen geboren und erzogen, aber ihr Hormonhaushalt ist der eines Mannes. Bis außer ihr selbst jemand merkt, dass da etwas nicht stimmt, vergehen Jahre der Ungewissheit und Identitätsdiffusion. Eugenides erzählt Calliopes Schicksal sehr feinfühlig von der Wurzel an, und das auch noch richtig spannend.

Mittwoch, 21. Oktober 2009

Diarrhea autobiographica




Der Bestsellerautor bei einer Lesung an der Schniedelheimer Bratzenuniversität.



Eigentlich habe ich diesen Eintrag einst sehr viel freundlicher und toleranter begonnen. Doch dann merkte ich, dass ich richtig miese Laune habe. Also:

Wieso glaubt eigentlich jeder narzisstische, profilneurotische, verbalinkontinente „Promi“ (hier bitte verächtlich auf den Boden spucken), dass er unbescholtene Leser mit seiner Autobiographie belästigen darf? Ach, stimmt ja: weil sich damit eine Menge Kohle verdienen lässt.

Also noch mal: Was ist eigentlich los mit diesen stumpfhirnigen Trotteln, die Stefan Effenbergs oder Daniel Küblböcks Bücher kaufen? Oder Bushidos selbst gelesenen (!) Hördurchfall? Es ist schon in der Theorie widerlich, Naddels erste sexuelle Erfahrungen en detail zu konsumieren. Ich will auch nicht wissen, ob Dieter Bohlen als Kind die Unterwäsche seiner Großmutter als Kopfschmuck getragen hat oder dass David Beckham den Tod seines Hamsters nie wirklich überwand.

Und ja, Verlage und Autoren gehen sich grundsätzlich gegenseitig an die Wäsche – beide Parteien machen ein gutes Geschäft, der Verlag vergießt Freudentropfentränen im Angesicht der Verkaufszahlen und der „Promi“ darf sich per schriftstellernder Psychowichserei noch mal bestätigen, dass er es ja doch zu was gebracht hat im Leben. 


Bevor er dann im Dschungelcamp sein Gnadenbrot erhält.




Dienstag, 20. Oktober 2009

Deutscher Buchpreis

Kathrin Schmidt hat für Ihren Roman "Du stirbst nicht" den Deutschen Buchpreis bekommen.

Hat hier jemand das Buch gelesen und mag ein paar Worte darüber verlieren?

Ich hab es natürlich wieder nicht gelesen – ich komm einfach nicht hinterher. Puh.


Donnerstag, 15. Oktober 2009

Lyrik zum Anfassen, Teil 7








Ich habe keine Ahnung, ob ich wirklich schon bei Teil 7 angelangt bin. Ist eher so eine grobe Schätzung.




Heute gebe ich Euch ein Gedicht von Ingeborg Bachmann mit in den Tag. Es passt zum Winter, zum Aufwachen in der Morgendämmerung. Ein Katalysator für Melancholie.




Dunkles zu sagen

 Wie Orpheus spiel ich
 auf den Saiten des Lebens den Tod
 und in die Schönheit der Erde
 und deiner Augen, die den Himmel verwalten,
 weiß ich nur Dunkles zu sagen.

 Vergiß nicht, daß auch du, plötzlich,
 an jenem Morgen, als dein Lager
 noch naß war von Tau und die Nelke
 an deinem Herzen schlief,
 den dunklen Fluß sahst,
 der an dir vorbeizog.

 Die Saite des Schweigens
 gespannt auf die Welle von Blut,
 griff ich dein tönendes Herz.
 Verwandelt ward deine Locke
 ins Schattenhaar der Nacht,
 der Finsternis schwarze Flocken
 beschneiten dein Antlitz.

 Und ich gehör dir nicht zu.
 Beide klagen wir nun.

 Aber wie Orpheus weiß ich
 auf der Seite des Todes das Leben
 und mir blaut
 dein für immer geschlossenes Aug.
                  




Dienstag, 13. Oktober 2009

Druckfrisch, das "junge" Büchermagazin der ARD

Ich möchte jetzt gar nicht pedantisch sein und monieren, dass "Druckfrisch" mit seinen hysterischen Schnitten* und voll krass originellen Settings seinem Moderator Denis Scheck nicht gerade einen Gefallen tut, sondern ihn sehr oft aussehen lässt wie einen verirrten schwäbischen Banker.

Immerhin bemüht sich die ARD überhaupt um ein unkonventionelles Literaturformat, auch wenn das Ergebnis zuweilen anmutet wie ein geeky Achtklässler, der sich aus Coolness- und Akzeptanzgründen Dreadlocks in die fisseligen Blondhaare hat filzen lassen. Beim Thema Jugendlichkeit muss die Sendeanstalt halt noch mal ein wenig in der Zeit vorspulen.

Aber eines muss man dem Denis Scheck wirklich lassen: Die SPIEGEL-Bestsellerliste nimmt er gründlich und überraschend lustig auseinander; es ist mir immer wieder eine Freude.






* Was nicht nur ich so sehe. Mein Co-Gucker bei "Druckfrisch", seines Zeichens Filmnerd Kameramann, teilte mir nach einigen Minuten Sendezeit mit, dass er davon Kopfschmerzen bekäme.

Neil Gaiman: Anansi Boys






„Es beginnt, wie es ja meistens der Fall ist, mit einem Lied. Im Anfang waren schließlich die Worte, und dazu gab es auch gleich eine Melodie. So wurde die Welt geschaffen, so wurde das Nichts geteilt, so kamen sie alle in die Welt: die Landschaften und die Sterne und die Träume und die kleinen Götter und die Tiere. Sie wurden gesungen.“


So beginnt Neil Gaimans großartiger Roman Anansi Boys, der mit seinem Weltentwurf die Fortsetzung des Vorgängers American Gods  darstellt, mit diesem allerdings keine Serie bildet. Die beiden Romane können problemlos unabhängig voneinander gelesen werden. Im direkten Vergleich ist American Gods rotziger und düsterer, während Anansi Boys nie seine trockene Heiterkeit verliert.

Mit wem haben wir es also zu tun? Fat Charlie, ein Londoner Workaholic, zeichnet sich vor allem durch eines aus: seine grenzenlose und fast paranoid zu nennende Abneigung gegen peinliche Situationen aller Couleur. Dumm nur, dass Fat Charlies Vater die Peinlichkeit eigenhändig erfunden zu haben scheint – entsprechend wundern wir uns auch gar nicht, dass den armen Charlie die Nachricht vom Tod des alten Herren eher beschämt als bestürzt (er fällt tot von einer Karaokebühne, straight in den Ausschnitt einer jungen Touristin).

Charlie reist von London nach Florida zur Beerdigung seines Vaters und muss dort erstmal zwei kuriose Fakten verdauen: Papa war zu Lebzeiten der afrikanische Spinnengott Anansi, und außerdem hat Charlie einen vermeintlichen Bruder namens Spider, der angeblich auch noch die ganzen coolen Göttertalente geerbt hat. Als Spider Charlie in London besucht, benimmt er sich so gar nicht brüderlich – Job und Verlobte sind erstmal weg und Charlie ziemlich im Arsch.

Neil Gaiman verflicht auch in Anansi Boys die Welt der Götter und Mythen mit der uns bekannten Gegenwart und lässt Götter auf Londons Straßen wandeln und mit sympathischen Alltagscharakteren wie dem Loser-Protagonisten in familiärer Zwietracht verkehren. Anansi hat nämlich vor seinem Ableben ein paar andere Götter ziemlich abgezockt, und diesen Fauxpas müssen Spider und Charlie aus der Welt schaffen – kein leichter Job, zumal Charlie den extrovertierten Spider peinlicher als alles andere findet.

Anansi Boys erscheint hier in Deutschland übrigens bei Heyne (Leseprobe hier ). Was mich zu dem Schluss kommen lässt, dass dieser Artikel ganz nach meinem Geschmack ausfällt: Er beinhaltet Neil Gaiman UND eine überflüssige Anekdote.

Es ist nämlich so, dass einst im Deutsch-Leistungskurs meine nichts ahnende Banknachbarin einen Roman des Heyne Verlags auf ihrem Tisch liegen hatte. Als der prüfende Blick unseres Lehrers auf das arme Buch fiel, verlieh er seinem Missfallen über den Heyne Verlag und dessen "niveaulose" Veröffentlichungen umgehend vor der ganzen Klasse Ausdruck. Der sonst sehr umgängliche Herr B**** hatte also auf einen Streich den Intellekt seiner Schülerin, den Verlag und den unschuldigen Roman beleidigt sowie einen unangemessenen Snobismus an den Tag gelegt.

Ein Vorfall, den ich damals höchst ärgerlich fand. Und jetzt, fast 13 Jahre später, kommt mir endlich die passende Antwort in den Sinn: „Das stimmt so aber nicht, was Sie da sagen, Herr B****, denn der Heyne Verlag veröffentlich schließlich auch durchaus relevante Gegenwartsautoren wie zum Beispiel Neil Gaiman, der ja, wie Sie wissen, zu den britischen Aufsteigern der Neunziger gehört, es wie kaum ein anderer versteht, anspruchsvolle Literatur mit Leichtigkeit zu vereinen und der deshalb vollkommen zu Recht eine große internationale Fangemeinde sein Eigen nennt! Also muss es im Heyne Verlag mindestens eine Handvoll Menschen geben, die wissen, was sie tun, weswegen arrogante Verallgemeinerungen wie die Ihre nicht nur unangebracht, sondern auch ideologisch und pädagogisch kein gutes Beispiel für Ihre Schüler sind.“

Wäre mir das mal früher eingefallen.




Neil Gaiman über Anansi Boys:


Montag, 12. Oktober 2009

Pflichtvergessenheit

Wenn ich seriös langweilig nicht so dolle zeitlich ausgelastet wäre, wie ich es derzeit bin, dann müsste ich wohl in den ICE Sprinter steigen und nach Frankfurt brausen, denn es ist Buchmesse !

Obwohl, wenn ich mir dies hier so anhöre, dann bin ich schon ganz froh, dass ich keine Zeit habe. Sonst müsste ich mich wieder so furchtbar ärgern, dass ausgerechnet Bushido mit Bücherschreiben Geld verdienen darf. Und wenn ich mich so ärgern müsste, dann würde meine Seele schmerzen , und dann müsste ich viel Wodka trinken – ein Teufelskreis.


Sergej Lukianenko: Wächter der Nacht




Wenn ich ehrlich sein will (was ich natürlich will), dann ist die russische Kultur bisher ziemlich spurlos an mir vorbei gegangen, was nicht an den Russen, sondern an meiner selektiven Wahrnehmung liegt.

Auf den Rat des Buchhändlers meines Vertrauens habe ich mir deshalb kürzlich Sergej Lukianenkos Kultroman Wächter der Nacht zu Gemüte geführt. Dieser ist der erste Teil einer Tetralogie (doch, so heißt das) und wurde 2005 mit durchschlagendem Erfolg verfilmt. Was ebenfalls an mir vorbei gegangen ist.

Deshalb wende ich mich erst einmal dem Plot der literarischen Vorlage zu: Wir befinden uns in Moskau. Seit undenklichen Zeiten leben unter den Menschen die „Anderen,“ übernatürlich begabte Männer und Frauen, welche seit dem historischen Großen Waffenstillstand die freie Wahl zwischen dem Licht und dem Dunkel haben. Natürlich überwachen sich die verfeindeten Allianzen gegenseitig, denn das Gleichgewicht zwischen Licht und Dunkel muss gewahrt werden: jede gute Tat, die ein Angehöriger des Lichts ausführt, wird von einer bösen Tat vergolten und umgekehrt.

Unser Ich-Erzähler Anton ist Soldat der Nachtwache und soll auf seiner Streife zwei „unlizensiert“ jagende Vampire aufspüren, als ihm in der Bahn eine junge Frau auffällt, die einen schwarzen Wirbel (sowas wie eine Regenwolke über dem Kopf) von erstaunlicher Kraft und Größe mit sich herumträgt. Der Mahlstrom hat genug Potential, um bei seiner Entladung eine weltweite Katastrophe heraufzubeschwören. Zerstören kann Anton das Ding nicht, also meldet er den Vorfall seinem undurchsichtigen Boss Boris Ignatjewitsch, Chef der Nachtwache.

Daraufhin beginnt der viel zitierte Wettlauf mit der Zeit: Der bösartige Wirbel schwillt unablässig an, und die Nachtwache muss den Urheber des Fluchs ausfindig machen, um ihn vernichten zu können. Jedoch scheint die junge Frau keinen einzigen Feind zu haben und ist außerdem ein Ausbund an Tugend und Mitgefühl. Wer also könnte ein Interesse daran haben, ihr eine Katastrophe dieses Ausmaßes auf den Hals zu hetzen?

Großes Katz-und-Maus-Spiel, viel Action. Würde man erwarten bei so einer Story. Aber, und das fand ich ziemlich überraschend, es wird auch ausgiebig philosophiert. Die berühmte russische Schwermut drückt auch Anton auf die Bretter, weshalb er regelmäßig über den Zustand der Welt im Allgemeinen und Russlands im Besonderen sinniert. Außerdem erhält der Leser erhellende Einsichten und allerlei gute Ratschläge in punkto Alkoholkonsum und Katerbewältigung – auch das offenbar ein Stück russisches Kulturgut.

So weiß ich jetzt zum Beispiel, dass man sich nicht mit Kognak betrinken sollte, und mit Wein auch nicht:

„Betrinken kann man sich, Anton. Wenn’s sein muss. Aber dann mit Wodka. Kognak, Wein – das ist was fürs Herz“, sagte Semjon.
– „Und wofür ist Wodka?“
„Für die Seele. Wenn sie richtig schmerzt.“


Das lass ich mal so stehen.



Dienstag, 6. Oktober 2009

Ehre!





Die äußerst liebenswürdige Astronautenbar hat der Axt einen Award verliehen. Glaubt man das! Jetzt, wo ich offiziell kreativ bin, gebührt mir die Ehre, den Award an 7 würdige Nachfolger weiterzureichen. Natürlich ist dies mit einigen kettenbriefmäßigen Formalitäten verbunden:


1.) Bedanke dich bei der Person, die ihn dir verliehen hat.
2.) Kopiere das Logo und platziere es in deinem Blog.
3.) Verlinke die Person, von der du ihn bekommen hast.
4.) Nenne 7 Dinge über dich, die anderen noch nicht bekannt sind.
5.) Nominiere 7 ‘Kreativ Bloggers.’
6.) Verlinke diese Blogger bei dir.
7.) Benachrichtige die 7 durch einen Kommentar.

Uuuuund los:
inFemme: weil ich immer lachen muss, wenn ich sie lese, auch wenn ich scheiße gelaunt bin. Mein persönlicher Paasilinna.

Dotti's Dots: weil Dotti's Blog eine herzallerliebste Torte mit ganz viel Zuckerguss ist.

LeseLustFrust : weil es schön ist, zu wissen, dass es da draußen Mitstreiter gibt.

Panda Fuck: weil Vanessa eine wunderbare und immer wieder überraschende Mischung aus Mode, Film und Gedankenzeug offeriert.

collected lives : weil diese kleinen Fetzen aus dem Leben anderer Leute mir immer das schönste Kopfkino bescheren.

sexy people: weil Schadenfreude und Fremdschämen niedere, aber sehr spaßige Gefühle sind.

Stil in Berlin: weil Klassiker!




Und zuletzt: 7 Dinge über mich, die keiner weiß und keiner wissen will.

Am Frankfurter Flughafen habe ich 1992 Iron Maiden beim Check-In getroffen.

Ich war mal in Joey von New Kids On The Block verknallt.

Ich mag es nicht, mich auf Plätze in öffentlichen Verkehrsmitteln zu setzen, die noch fremde Arschwärme ausstrahlen.

Sabrina Setlur hat mir mal auf einem Konzert mit Edding den Arm signiert, und es ging ewig nicht mehr ab (siehste, Benno, da geht es noch anderen so).

Mit 14 habe ich mir einen Nasenstecker machen lassen und ernsthaft versucht, es durch Weggucken vor meinen Eltern zu verheimlichen.

Häßliche Schuhe machen mich traurig.

Ich bin gegen Bier allergisch.

Dienstag, 29. September 2009

Literatur im Netz

Kurze Zwischenmeldung:

Auf Spiegel Online findet sich heute ein Artikel über Literaturwebsites: Klick !

Wobei da eher so die bekannten Gesichter genannt werden, und nicht unbedingt kleine Projekte wie dieses hier oder auch LeseLustFrust . Den angesprochenen Websites ist gemein, dass sie über eine große Datenbank und entsprechend viele Rezensionen verfügen, wer also nach weiterführenden Tipps sucht, ist dort sicher gut bedient.

Samstag, 26. September 2009

Haruki Murakami: Wilde Schafsjagd





Auf meiner persönlichen Mitleidliste gibt es seit kurzem einen neuen Posten: Diejenigen armen Tropfe, oder Tröpfe, die Klappentexte für Romane verfassen. Vermutlich erkennt man diese gebeutelten Individuen auf der Straße an ihrem unheilbar zerrauftem Haar sowie einem flackernden, verwirrt hin und her eilenden Blick, abgerundet von alten Kaffeeflecken am Revers. Denn wie ich seit einiger Zeit am eigenen Kopf erfahren darf, ist es eine nicht geringe Herausforderung, die mehr oder weniger komplexe Handlung, die Atmosphäre und den Charakter eines geliebten Buches auf wenige verführerische Zeilen zu verdichten. Eine Übung, die mir in schöner Regelmäßigkeit misslingt.

Entsprechend zähneknirschend sehe ich der Aufgabe entgegen, Haruki Murakamis Roman Wilde Schafsjagd gebührend zu würdigen. Murakami und ich, das ist wohl das, was man eine späte Liebe nennt – womöglich stehe ich zeitgeistmäßig ab und zu auf dem Schlauch, aber hey, auch die Axt liest nicht mehrgleisig. So, jetzt aber husch husch, zum Thema:

Unser Protagonist, der 29-jährige gelangweilte Inhaber einer Tokioter Werbeagentur, erhält einen merkwürdigen Brief von einem lang verschollenen Freund mit der Bitte, das beigelegte Foto (das lediglich eine belanglose Landschaft mit Schafsherde zeigt) irgendwie zu veröffentlichen. Als das Bild schließlich in einer Zeitschrift erscheint, tritt ein unheimlicher Mann auf die Bildfläche, der die Fotografie wiederum auf gar keinen Fall veröffentlicht sehen möchte. Mehr noch, er verlangt von unserem Ich-Erzähler, ein geheimnisvolles Schaf ausfindig zu machen, weil von dem Tier die Zukunft der Menschheit abzuhängen scheint. Dieser dubiose Besucher ist die rechte Hand eines japanischen Machthabers und verfügt natürlich über sämtliche Mittel, dem perplexen Werber Feuer unterm Arsch zu machen. Zusammen mit seiner Freundin, einem Teilzeit-Callgirl mit wahrhaft besonderen Ohren, macht der Held sich auf die aussichtslose Suche nach dem mysteriösen Schaf.

Haruki Murakami versteht es wie kaum ein anderer, wunderbar verwunschene Geschichten und eigenwillige Charaktere zu entwickeln. Dabei ist das Universum des Autors in meinen Augen ein solches, das man weniger hinterfragen als sich vielmehr einfach darauf einlassen sollte. Dann fördert man beim Lesen immer wieder einen gedanklichen Diamanten zutage: einen Satz, der nachhallt; einen Gedankengang, der für eine kleine Weile mit der Welt versöhnt.

Ein geschätzter ZEIT-Rezensent drückt es so aus: „Murakami zu lesen wirkt selbst tröstlich auf Leute, die noch gar nicht traurig sind, vielleicht ist das Murakamis Geheimnis.“

Besser hätte ich es auch nicht sagen können ;-)

Mittwoch, 23. September 2009

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Viele Medienschaffende, das ist kein Geheimnis, wollen im Grunde selbst Künstler sein. Was dem Art Director sein Fotografentraum, ist des Journalisten Autorenwunsch. Und auch der Lokomotivführer ist im Herzen ein Bildhauer. Soweit.

Deshalb wundert sich keiner, dass alle Welt im Zweitberuf fotografiert und schriftstellert und mit Muddi Privatpornos dreht. Irgendwo muss die Kreativität ja schließlich hin, die der Berufsalltag so oft ausbremst.

Nun haben aber einige deutlich bessere Ausgangspositionen als andere: Wie sonst darf ich Dich, SPIEGEL ONLINE, verstehen, der Du mir in Deiner Literatur-Ecke ganz ungeniert Romane anpreist, die Deine eigenen Redakteure verfasst haben?

Fühle nur ich mich davon verarscht? Ist das nicht blödes Holzhammer-Marketing? Wird jemals ein von Deinen Redakteuren verfasstes Buch eine negative Kritik, die wiederum von Deinen Redakteuren verfasst wird, erhalten? (Das Bild vom sich selbst auffressenden Fuchs in "Antichrist" drängt sich mir auf)

Ach Mensch. Kann ja sein, dass ich zickig bin, weil ich mir unabhängige Literaturtipps wünsche. Aber was Du da treibst, Spiegel Online, ist doch auch bloß Vetternwirtschaft. Und jetzt erzähl mir bitte nicht, die genannten Bücher seien offizielle hauseigene Spiegel Online Produkte und dürften damit moralisch rechtens dort beworben werden. Das ist nämlich Quatsch.

Lebt im idealistisch-naiven Marshmellow-Land:
Deine Axt






Am nächsten Morgen in gelassenerer Stimmung: Ich stelle fest, dass ich in diesem Eintrag Spiegel Online Redakteure als Möchtegern-Kreative verunglimpft habe, die ohne das Trottelmarketing des Konzerns und dessen Beziehungen zu einschlägigen Verlagen keine Kohle mit ihrer Schriftstellerei einstreichen würden. Mit mir selbst hart ins Gericht gehend, eruiere ich, dass ich keinerlei Bedürfnis habe, diese Aussagen zu revidieren.

Arto Paasilinna: Der Sommer der lachenden Kühe.





Bevor er denn nun endgültig den Löffel abgibt, der dahinsiechende Sommer, möchte ich ihm noch dringend ein besonders sonniges Buch ans Herz legen – vielleicht ist er ja dann nächstes Jahr besser gelaunt. (Ich glaube, es ist altersbedingt, den jeweils aktuellen Sommer scheiße zu finden. Und in heiß-trockenen Kindheitserinnerungen zu schwelgen, mit Auf-der-Straße-spielen und staubigen Füßen und Wassereis.)

Und augenscheinlich gelingt es ausgerechnet den sonnenarmen Finnen, besonders leichtfüßig durchs Leben zu springen und selbst Themen wie Suizid und Demenz mit guter Laune zu verbrämen. Ich spreche natürlich vom wunderbaren Arto Paasilinna, der mit Der Sommer der lachenden Kühe einen ganz respektablen Erfolg gelandet hat, völlig zu Recht. Denn Paasilinnas tollen skurrilen Charakteren kann man sich nicht entziehen, und will es auch gar nicht, zumal Romanfiguren oft manchmal interessanter sind als richtige Menschen.

Seppo Sorjonen, Taxifahrer in Helsinki, überfährt um ein Haar einen verwirrten alten Typen, der außer seinem Namen nichts mehr weiß: Taavetti Rytkønen. Weil der gutherzige Seppo den armen Greis nicht einfach seinem Schicksal überlassen kann, rekrutiert er ihn eben als Fahrgast. Dumm nur, dass Taavetti gar kein Ziel hat: "Immer gradeaus!" ist die Ansage.

Also brausen der Taxifahrer und sein Kunde quer durch Südfinnland, den blitzartig auftauchenden Eingebungen Rytkønens folgend, der sich mosaikhaft an kuriose Details seines Leben erinnert. Unterwegs wird ein Bauernhof systematisch dem Erdboden gleichgemacht und eine feministische vegetarische Wandergruppe vor dem Verhungern gerettet. Die Alzheimerkrankheit des selbstvergessenen Fahrgastes gibt nun mal die Richtung vor, und Seppo muss sich fügen.

Jemand beschwerte sich online darüber, dass das Buch irgendwie naiv geschrieben sei und ihm an Tiefe mangele und außerdem Leser mit hoher textlicher Erwartung enttäusche. Antwort: Da ist offenbar jemand ein phantasieloses Emotions-Kastenbrot ohne Ahnung nicht ganz so überzeugt von Paasilinnas federleichtem Schreibstil. Unverständlich auch, dass eine hohe Komplexität in der Syntax von manchen Leuten mit hohem Niveau verwechselt wird: wenn ich diesen Satz jetzt einfach nicht enden lasse, obwohl ich mein Pulver schon verschossen habe und eigentlich in die Küche gehen müsste, um mir einen Kaffee zu kochen – fairer Handel ist übrigens eine feine Sache – weil mich gerade mein übliches 14-Uhr-Tief ereilt und ich dringend gegensteuern sollte, also wenn dieser Satz länger als fünf Zeilen ist, sollte ich dann nicht auf der Stelle den Literaturnobelpreis kriegen?

Jetzt habe ich mich wieder in langatmiger Kratzbürstigkeit verloren. Und noch gar nicht gesagt, was ich längst sagen wollte: Der Sommer der lachenden Kühe ist ein wunderbares Buch. Sollte man die ersten Anflüge einer Herbstdepression herannahen spüren, dann kauft man sich am besten dieses sehr erschwingliche Sommermethadon (oder gewinnt es, indem man dieses Gedicht öffentlich interpretiert).

Dienstag, 22. September 2009

Trautes Heim



Sind alle gut angekommen? Hoffentlich ging uns keiner verloren zwischen Feeds und Bookmarks.

Bastelstunde bei der Axt, Teil 3




Wenn das mal kein unschlagbarer Service seitens meiner prima Leser ist: Die liebe Susan war so gut, mir aus meiner T.C. Boyle-Pleite herauszuhelfen. Endlich kann ich das Buch reinen Gewissens aus der "Warteliste" in der Sidebar entfernen. Bitteschön:

Dreier Handlungsstränge bedient sich T.C. Boyle, um den Leser auf eine haarsträubende Tour de force mitzunehmen, die einen bis zur letzten Seite in Atem hält. Zeitlich angesiedelt gegen Ende des 18. Jahrhunderts, begleiten wir drei Protagonisten auf ihrer Suche nach dem Glück:

Mungo Park, den jungen schottischen Entdecker, der eine Afrika-Expedition anführt mit dem Ziel, den Niger zu finden. Boyle malt Afrika als Kontinent, dessen Gefährlichkeit in seiner Fremdheit begründet liegt – eine Gefahr, der sich Mungo Park nie wirklich bewusst ist und die er nur durch die beherzte Hilfe des Ex-Sklaven Johnson überlebt (was er jedoch niemals begreifen wird). So stolpert Mungo mit tragischer Ungeschicklichkeit durch den unverständlichen Kontinent, immer nah an der Grenze zum tödlichen Zwischenfall.

Dann ist da Ned Rise, ein Londoner Kleinkrimineller, der sich mit Witz und Bauerschläue durch die Gossen der Großstadt laviert. Die Straßen Londons stehen in Wassermusik der Gefährlichkeit Afrikas in nichts nach, und so muss der arme Ned durch allerlei Unbill, bevor sich schließlich sein Schicksal mit dem des Entdeckungsreisenden verflicht. Eine besondere Würdigung verdient hier die Sprache Boyles, der den Gossenslang großartig und mit Liebe zum Detail eingefangen hat.

Ailie, die Verlobte des Entdeckungsreisenden, wartet unterdessen in den schottischen Highlands auf dessen Rückkehr, hartnäckig bedrängt vom Liebeswerben eines weiteren seltsamen Verehrers. Eindringlich schildert der Autor die Seelenqualen der jungen Frau.

Nach unzähligen tollkühnen Wendungen des Schicksals vereinen sich die drei Handlungsstränge zu einem furiosen Finale, und natürlich ist Afrika der Schauplatz, an dem diverse Protagonisten schließlich aufeinander treffen – an dieser Stelle darf mehr nicht verraten werden.

Nur soviel sei noch gesagt: Wassermusik ist ein schillerndes, buntes, lebendiges und unglaublich mitreißendes Buch, das Witz und Tragik auf unnachahmliche Weise vereint. Und eine böse Satire auf die westliche Überheblichkeit gegenüber den "Primitiven" ist es obendrein.


Also, fast krieg ich Lust, es noch einmal mit Wassermusik zu versuchen. 




Montag, 21. September 2009

Lyrik zum Anfassen, Teil 6




Wer mir das hier schlüssig interpretiert, ohne zu googeln, der kriegt ein Buch zur Belohnung. Ein gutes Buch, natürlich. Aus dem hauseigenen Zwinger.



Zwischenbilanz für bedauernswerte Bäume

Akazien sind ohne Zeitbezug.
Akazien sind soziologisch unerheblich.
Akazien sind keine Akazien.


(Günter Eich)




Die Axt zu Gast...

...hatte kürzlich das famose HATE-Magazin.




Was dem geneigten Besucher dieses Blogs bereits einigermaßen vertraut sein dürfte – nämlich meine Vorliebe für hochwertige Vampirliteratur und gleichzeitige Abneigung gegen gräßliche Buchcover – habe ich für HATE in komprimierter Form zusammengetragen. 

Wer möchte, kann sich den Artikel hier direkt im pdf-Heft anschauen (Seite 34), das Magazin an einem der Auslageorte mitnehmen oder jetzt einfach weiterlesen.


Dracula goes Neuzeit: Ein unvollständiger und höchst subjektiver Anriss.

Es hilft alles nichts: Der Vampir ist in der Popkultur angekommen, endgültig. Derzeit erlebt das untote Weißbrot seine größte Renaissance seit dem 17. Jahrhundert und hat auch gleich ein respektables Facelift mitgenommen. Brokatbestückte Rüschenfummel und spitze Schnallenschuhe sind so last season – der Vampir des neuen Jahrtausends setzt in Wort und Bild auf Understatement oder wenigstens einen ordentlichen Dreitagebart (man erinnere sich dagegen an Gary Oldmans Dracula-Auftritt mit fantastisch albernem Altfrauendutt!).

Heute müssen Vampirfilme und -bücher eher cool als unheimlich sein. Lässigkeit ist unverzichtbar. Rob Pattinson als sexy Teenage Vampire treibt (in der Verfilmung der ultra-gehypten „Twilight“-Romane) mit seiner Out-of-bed-Frisur und seinem spöttischen Blick Teenies auf der ganzen Welt zu hormonellen Ausrastern. Jedes Mädchen will jetzt violette Augenringe, Blässe ist schick, der Vampir ist die Stilikone du jour. Überhaupt lebt mittlerweile auch der Vampirroman längst in der Moderne und entwickelt mehr oder weniger zielgruppenorientierte Auswüchse abseits des klassischen Dracula-Stoffes. Wobei zuweilen – das wird keinen überraschen – die Qualität eher heterogen ist, diplomatisch gesprochen.

Die Amerikanerin J.R. Ward versorgt valiumsüchtige, unbefriedigte Vollzeit-Hausfrauen mit einer Garnison ledergewandeter, unnahbarer, kerniger, zwei Meter großer Vampirkrieger (wer ein Gesicht dazu braucht: Wesley Snipes in Blade). Diese sind selbstverständlich enorm gut ausgestattet und begatten eine rettenswerte und einsame Menschenfrau so gekonnt, bis der schier die Synapsen durchbrennen. Danach verliebt sich der stahlharte Krieger widerwillig in seine zerbrechliche Geliebte. Zwischendurch werden diverse Feinde um die Ecke gebracht. Und das passiert mehr oder weniger in jedem einzelnen der rund zehn Bände der Romanreihe, gnadenlos wie Bill Murrays Radiowecker in Täglich grüßt das Murmeltier. Schlüssiger Plot? Gutes Storytelling? Sauberer Schreibstil? Scheinen die Fans nicht zu vermissen, und Fans hat J.R. Ward erstaunlich viele. Eine pikante Fußnote des blutigen Kopulierens: Die ebenfalls amerikanische Autorin Lara Adrian, die das Material hemmungslos abschreibt und damit fast ebenso erfolgreich ist. Methadon bis zum nächsten Original-Ward quasi. Dabei muss man doch gar keinen Schrott kaufen! Denn kreative Umsetzungen des ausufernden Stoffes finden sich zu viele, um ihnen mit einer Handvoll Zeichen gerecht zu werden.

Zu Recht in den Beststellerlisten tummelt sich zum Beispiel Charlie Hustons bisher dreiteilige Reihe um den untoten Privatdetektiv Joe Pitt. In schöner Sin-City-Manier wütet der abgebrühte, kettenrauchende Pitt durch ein wunderbar überzeichnetes New York, datet blutjunge Kellnerinnen, wird von schurkigen Schurken verkloppt und führt lakonische Dialoge. Das Ganze ist hart und schnell erzählt, großstädtisch eben und mit selbstironischem Augenzwinkern. Der Vampirkram fügt sich natürlich und unaufdringlich in die Geschichte ein, die damit einhergehende Brutalität gehört schlichtweg in diesen Entwurf der verfeindeten Clans und dreckigen Hinterhöfe. Ein Jungsbuch, könnte man meinen, aber das scheint mir zu kurz gesprungen. Charlie Huston ist einfach ein großartiger Unterhalter. Hey, Mr David Fincher, mach doch mal nen Film draus – wie man den rotzigen Look hinkriegt, weißt Du ja.

Wenn ich hier schon über Jungs- und Mädchenbücher lamentiere, dann ist Charlaine Harris vermutlich eher eine Mädchenautorin. Ihre Hauptfigur Sookie Stackhouse, Gedanken lesende blonde Kellnerin aus Lousiana lebt in einer Welt, in der Vampire an die Öffentlichkeit gegangen sind und mitten unter braven Bürgern ihr Unleben fristen. Möglich ist das, weil die Japaner (klar, wer auch sonst) synthetisches Blut entwickelt haben – gebissen wird offiziell nur noch zum beiderseitigen Vergnügen. Und als die reizende und patente Sookie mit dem Vampir Bill eine Affäre beginnt, wird sie so geschwind wie unfreiwillig in das übernatürliche Business hineingezogen, was ihr nicht unbedingt zum Vorteil gereicht: Dort gibt’s nämlich ordentlich aufs Maul. Dass dieser Stoff mit all seinen charmanten Südstaaten-Protagonisten ein gewaltiges innovatives Potential hat, ist auch dem Fernsehsender HBO nicht verborgen geblieben: Die erste Staffel von „True Blood“ läuft in den USA außerordentlich erfolgreich. Bedanken darf man sich dafür übrigens beim kongenialen Serienbastler Alan Ball („Six feet under“).

Gar keine Frage, die Liste fähiger Autoren ist beachtlich – doch die einschlägigen Verlage tun ihr Bestes, um den Vampirinteressierten vom Buchkauf abzuhalten. Das Stichwort heißt Covergestaltung: Mit dem Großteil der zeitgenössischen Vampirliteratur möchte man nicht tot über dem Gartenzaun hängen, so geschmacklos und klischeehaft präsentieren sich die Werke. Ein Rätsel, denn inhaltlich ist man doch zum Teil ganz weit vorne. Aber da kann eine Charlaine Harris so gut erzählen wie sie will: Wenn ihre Buchcover mit komischem Glitzerlack und infantilen Illustrationen ausgestattet sind, dann vergrault das alle potentiellen Leser, die über einen Hauch ästhetisches Gefühl verfügen. Und das ist nur eins von vielen scheußlichen Beispielen, denn auch auf den armen Charlie Huston wurden offenbar blutrünstige, blinde, wahnsinnige Verlagsgrafiker angesetzt. Schade.

In dieser Hinsicht muss sich der Literaturbetrieb eine daumendicke Scheibe von der Filmindustrie abschneiden. Die vermarktet das Thema Vampir nämlich zumeist augenfreundlich. Letzten Endes bleibt einem ja nichts anders übrig (es sei denn, man entwirft sich selbst einen optisch anspruchsvollen Buchumschlag), als abfällige Blicke in der Bahn aufrecht zu ertragen. Aber was wissen die denn schon, diese Sterblichen? Eben.


Montag, 31. August 2009

Sag zum Abschied leise Kafka...



Ihr sehr lieben und unheimlich tollen Leser (das sage ich selbstverständlich nur, damit Ihr wieder zurück kommt), die Axt hat frei und beglückt bis Mitte September das wirklich Leben mit ihrer Anwesenheit.

Vielleicht schaue ich zwischendurch mal rein, in dieser Hinsicht gebe ich mich mysteriös.

Bis ganz bald, habt schöne Sommertage, so lange noch welche übrig sind.

Freitag, 28. August 2009

Gefrierbrand am Nachmittag: Hera Lind's Champagner-Diät





Ich weiß nicht, welche Persönlichkeitsstruktur man sein Eigen nennen muss, um arglosen Mitmenschen solcherlei Fallen zu stellen: ein offenbar antisozial gestörter Kollege oder - geben wir's zu - eine Kollegin ließ heute das Buch Die Champagner-Diät von Hera Lind in der Büroküche liegen, wo ich es mir beim Kaffee kochen in die Hände fiel.

Und da ich (muss ein Gendefekt sein) wirklich ALLES lese, was bedruckt ist, konnte ich nicht umhin, mir den Roman auf der Stelle mit Elan zu Gemüte zu führen.

Oh. Mein. Gott.

Nach einer halben Stunde paralysierten Seitenumblätterns schleppte ich mich mit viel Weiß in den Augen zurück an meinen Schreibtisch, um mit zitternden Fingern eine Warnung vor dem dumpfesten Machwerk zu verfassen, das ich in meinem ganzen Leben jemals halb gelesen habe:

Eva ist fett und übererfüllt jedes, aber auch jedes Klischee aller Fetten dieser Welt. Natürlich leidet sie unter einem jupitergroßen Minderwertigkeitskomplex. Natürlich spannt das dünne blonde Schweden-Aupair ihr den Mann aus. Natürlich liegt das nur am Fettsein der armen Eva. Natürlich nimmt sie dann circa eine Tonne ab. Und verliebt sich per Mail in einen Schiffskoch, wobei sie sich als Modedesignerin ausgibt (und natürlich als schlank, denn wie wir alle wissen, sind schlanke Frauen das Salz der Erde und alle anderen mögen bitte im Staube kriechen). Natürlich hält der Koch ebenfalls nicht, was er verspricht. Natürlich mögen sie sich gerade deshalb und werden glücklich für immer und ewig. Fertig.

Die Champagner-Diät bezirzt mit allerlei HÖCHST überraschenden Wendungen und Kochrezepten (!) und infantilen Mails, die sich die unfassbar bescheuerten Protagonisten schreiben sowie irrsinnigen Blödsinns-Dialogen zwischen Eva und ihrem inneren Schweinehund.*



Lieber verzweifelter Diana Verlag, wenn Du denn unbedingt aus der Welt scheiden willst, dann musst Du uns andere doch nicht gleich mitreißen in die ewige Verdammnis! Du könntest Ruf und Portokasse viel lustiger und menschenfreundlicher ruinieren als mit dem Verlegen der Champagner-Diät.

seufzt resigniert,
Deine Axt



* wie ich soeben investigativ und unter großen Gefahren recherchiert habe, treibt der genannte Schweinehund auch in anderen Lind-Romanen sein Unwesen. Offenbar soll das arme Ding gnadenlos ausgequetscht werden wie ein saftiger Pickel. Lauf, Schweinehund, lauf um Dein Leben!

Dienstag, 25. August 2009

Einführung in die Statistik I


Heute langweile ich Euch mal bewusst. Sonst ist das ja eher ein Versehen. 

Ich habe mich getraut, mir die aktuellen Zahlen für die Website zu Gemüte zu führen. Ein zweischneidiges Schwert, denn fast immer stellt sich heraus, dass einen eh keiner liest. Oder dass es so ist wie mit manchen "Underground"-Bands: Die Kritik ist voll des Lobes, aber Platten verkaufen die armen Schweine nicht.

Jedenfalls offenbart die Statistik das ein oder andere lustige Ding. Zum Beispiel schaut kaum einer zwischen vier und sechs Uhr morgens hier rein. Dafür liest man die Axt beim Betreten des Büros oder zum Frühstück gerne. Gegen 17 Uhr scheinen die meisten auch nochmal ein Tief und damit das Bedürfnis nach banalem Entertainment zu haben. Hier das Schaubild (bitte als Hausaufgabe sauber abzeichnen und farbig ausmalen):





Wir hatten in den letzten 4 Wochen 1.347 relevante Seitenzugriffe, also knapp 45 am Tag. Damit kann ich nun gar nichts anfangen. Ich hab ja keinen Vergleich. Also bin ich vermutlich doch eher eine Underground-Band? Gibt schlimmeres.

Es stellte sich außerdem heraus, dass es Sinn macht, wenn Ihr mich verlinkt *mit dem Zaunpfahl winkt*. Viele Eurer Leser schauen hier mal rein und umgekehrt. Das sagt zumindest dieses zauberhafte Tortendiagramm:






Ziemlich irritiert ließen mich jedoch so manche Suchanfragen zurück (d.h. Leute fragen Google nach Stichwörtern und werden auf meine Seite verwiesen). Unfreiwillig bei der Axt gelandet sind offenbar jene, die dieses suchten:

- was is das gegenteil von down?

- relevantes (das ist mal ein kompliment!)

- schaum der liebe (hä?)

- open muschi bildband 

- ich hasse freche frauen (ich doch auch, liebe/r suchende/r)

- hundeerziehung softies

- geile erzwungene liebe (also 'liebe' kombiniert mit 'erzwungen'... da hat einer ein problem)

- ego projektion 

- axt tanja porno

- gedicht über ein fahrrad (wer hier eines verfasst, kriegt zur belohnung ein buch!)

- blöde sätze (na danke!)


Keine blöden Sätze, sondern ganz viel Sonne, und zwar den ganzen Tag lang, das wünscht Euch:
die Axt

Freitag, 21. August 2009

Random House goes Marketing 2.0


In Zeiten rückläufiger Buchverkäufe muss sich ein Verlag schon was einfallen lassen...nee Moment, der Satz klingt irgendwie spießig.

Neuer Versuch: Die großkopferten Verlage kommen jetzt marketingtechnisch durch die Hintertür (Assoziationen, jaja), um die werberelevante Zielgruppe – das sind wir – vermeintlich geschickt zu umgarnen. Random House hat von seiner Werbeagentur offenbar einen Tritt in den Popo bekommen und sich überreden lassen, Charlie Hustons aktuelles Werk jetzt total crazy und abgefahren und integriert und guerillamäßig zu bewerben. Das klingt jetzt gewollt lustig. Egal.

(Ob die alten Herren im Vorstand jetzt Basecap und Grillz tragen müssen, wegen der neuen jungen Unternehmenskultur? Ignoriert mich: Ich hab das Wochenende im Blick und zu viel Kaffee intus, da mach ich gerne mal den Kasper.)

Ich meine, ja klar ist das jetzt wieder so ein bisschen gewollt, aber irgendwie gefällt's mir. Ist mal was anderes. Wenn ich mir diese grauenhaften Eckfeldanzeigen anschaue, die Verlage sonst in irgendwelchen Magazinen schalten, dann ist mir dies hier wirklich lieber.

Wie finden wir das?

(Edit: Keine Meinung, nirgends? Komisch, ich dachte, an diesem hier würden sich vielleicht die Geister scheiden und freute mich schon auf polarisierende Kommentare!)






Donnerstag, 20. August 2009

T.C. Boyle und ich




Dies ist kein Text über T.C. Boyles Roman Wassermusik.

In einer idealen Welt hätte es einer werden sollen, aber Herr Boyle und ich liegen seit Wochen im Clinch miteinander, und es sieht nicht so aus, als würden wir uns in absehbarer Zeit in der Mitte treffen. Ich will jetzt nicht sagen, dies sei ein literarischer Nahost-Konflikt (wenn ich das sagte, dann würde ich gleich so viel betroffene Empörung auf mich ziehen), aber das Buch und ich stehen uns feindlich gegenüber.

Das Schlimmste ist: ich weiß nicht mal warum. T.C. Boyle ist ein wunderbarer Stilist und seine Formulierungen haben mich gleich angemacht. Daran liegt es also nicht. Auch das Thema interessiert – schottischer Entdeckungsreisender des 18. Jahrhunderts auf Niger-Expedition erlebt Afrika als feindlichen Kontinent, dessen Regeln er nicht begreift. Parallel verfolgen wir den Aufstieg (und Fall) eine Londoner Kleinganoven. Am Ende verflechten sich die Handlungsstränge. Skurril, eindringlich erzählt, sehr bildgewaltig. So weit, so gut.

Ich WEISS, dass Wassermusik ein großartiges Buch ist. Und trotzdem habe ich vier Versuche gebraucht, um bis zur Hälfte zu gelangen. Wo ich seitdem feststecke. Auf irgendeine mysteriöse Weise kriegt mich Wassermusik nicht rum, seiner augenscheinlichen Qualität zum Trotz. Sowas ist mir noch nie passiert (ein Gedanke, den der ein oder andere Mann vielleicht kennen dürfte. Blöder Witz. Haha. Das heiße Wetter produziert bescheuerte Zweideutigkeiten in diesem Artikel.)

Was stört mich denn nun? Ich glaube, ich empfinde Boyles Umgang mit seinen Protagonisten als gefühllos. Keiner von denen berührt mich – es ist ein distanziertes Erzählen, das durch die sprachliche Härte befördert wird (denn Boyle spart nicht an Rohheit). Vielleicht ist es ja so: Wassermusik ist wie Brad Pitt. Eine unmißverständlich heiße Schnitte, voll auf die Zwölf, sympathischer Typ und manierlicher Schauspieler. Gegen Brad Pitt lässt sich nichts einwenden – er interessiert sich für Kunst, ist offenbar ein toller Vater und erträgt die Jolie mit Fassung. Aber er ist einfach nicht mein Typ.


Darüber hinaus bin ich ratlos.
Völlig.
Kann irgendjemand erste Hilfe leisten?
Gibt es ein Happy End für die Axt?


Exkurs: vor etwa zwei Wochen habe ich das Buch bei meinen Eltern vergessen, die mehr als 700 Kilometer von mir entfernt wohnen. Bisher habe ich noch keinen Versuch unternommen, es zurück zu holen.