Dienstag, 11. Dezember 2012

Martin Suter: Die dunkle Seite des Mondes.

So ungefähr sehen meine Bücher aus, wenn
sie drei Wochen in meiner Handtasche gelebt haben.

Die Handlung von Die dunkle Seite des Mondes lernte ich bereits vor Jahren kennen – bei ausgeschalteter Nachttischlampe, als der Herbstregen gegen die Fenster knallte und ich im Dunkeln lag und mir jemand den ganzen Roman erzählte. Aus einer kurzen Bemerkung zum Buch wurde eine lange Story, weil ich immer wieder „Und dann?“ fragte. Das ist ja eine tolle Geschichte, dachte ich mir damals, die muss ich mal lesen. Ein paar Jahre später hatte ich glücklicherweise das Ende vergessen und kaufte mir das Buch gespannt. Ein sehr guter Kauf – was durchaus etwas heißt, wenn man die Rahmenhandlung schon kennt.

Im Leben von Urs Blank ist alles fein: Erfolgreicher Wirtschaftsanwalt, massig Geld, stilvolle Lebensgefährtin und Designmöbel, you name it. Kein Grund zur Klage. Aber wie es so ist mit Perfektion – die ist nicht für die Ewigkeit gemacht. Also beginnt Urs eine kleine Affäre mit der exotischen Flohmarktverkäuferin Lucille. So ein zweiter Frühling hilft gegen die schleichende Unzufriedenheit. Lucille überredet Urs zu einem „meditativen Wochenende“ in der Natur, inklusive Schwitzhütte, Tamburin und einer schönen Portion halluzinogener Pilze. Macht man halt mal was Verrücktes!

Der Trip im Wald ist für Urs ein universaler Allmachtsrausch, der seine Persönlichkeit nachhaltig verändert. Es ist nämlich so: sein Gewissen hält fortan die Schnauze. Zu sozialem oder besser gesagt, angepasstem Verhalten muss er sich ebenso zwingen wie zu Reue oder Rücksicht. Menschen lösen in Urs Blank regelrechte Hassgefühle aus – und das einzige, was in diesem Zustand ein wenig Linderung verschafft, ist der Wald, denn dort hat auf dem Trip alles angefangen. Nach und nach entgleitet Urs das perfekt gestylte Leben. Zusammen mit seinem Psychiaterfreund Wenger versucht er, irgendeine Lösung für das Problem zu finden – was sich als äußerst schwierig und äußerst wirkungslos erweist. Die letzte Rettung, so glaubt Urs, liegt im Wald. Eins zu werden mit Baum und Bach, Fuchs und Elster: das soll den Anwalt vom inneren Soziopathen befreien. Ob das wohl gut geht?

Karrieremensch dreht durch und wird zum gefährlichen Waldschrat das ist doch mal eine dolle Geschichte. Die dunkle Seite des Mondes ist tatsächlich noch viel spannender und facettenreicher, als ich gehofft habe. Martin Suter ist ein unwiderstehlicher Erzähler. Vollkommen schnörkellos und mit eleganter Beiläufigkeit entfaltet sich der Roman. Nichts ist zuviel, weder an Handlung noch an Sprache. Um diese Sprache beneide ich den Autor glühend, und das ist noch stark untertrieben. Ein Form-Follows-Funktion-Stil im allerbesten Sinn ist das nämlich. Alles fügt sich und ergibt sich fließend. 

[Und hier habe ich diesen Artikel frustriert in die Schublade geknallt weil ich fand, dem Buch in keiner Weise gerecht zu werden. Vier Wochen später habe ich ihn wieder hervorgeholt, weil ich Euch diesen Roman unbedingt noch ans Herz legen muss. Weihnachten und so.]

Ich habe dieses Mal also kein vernünftiges Ende zu bieten. Keine Pointe. Keinen knackigen Schlusssatz. Und weil wir hier ja nicht im Feuilleton sind, tue ich auch gar nicht erst so, als ob. Lest das Buch, dann wisst Ihr was ich meine.



Sonntag, 28. Oktober 2012

Dallas Clayton: An Awesome Book.

Winter is coming. Und mit dem Winter kommt die Zeit des allgemeinen Niedlichkeitsbedürfnisses, der Wollsocken und Zimttees. Manch einer ist von November bis Silvester in einer grundsätzlich generösen Stimmung. Umso schöner, wenn es dann auch noch Geschenke gibt. Wie dieses toll illustrierte Kinderbuch von Dallas Clayton zum Beispiel: An Awesome Book heißt es, und handelt von der Wichtigkeit, große Träume zu haben.

Hier bekommt Ihr das reizende Büchlein für ganz ohne Geld (in digitaler Version), und zwar in siebzehn Sprachen. Sogar einen Vorlesemodus kann man einstellen. Wer lieber Papier in der Hand halten möchte, kann das Awesome Book auch ganz konventionell beim Buchhändler seines Vertrauens erstehen.

Hier einige Screenshots der englischen Version:








Donnerstag, 18. Oktober 2012

Nachsendeauftrag.


Folks,

nur für's Protokoll: Nach bald vier Jahren Axt habe ich mich dazu überwinden können, die scheußlich lange URL gegen eine etwas kürzere Zeile einzutauschen.

Die Axt findet Ihr ab sofort unter www.einbuchmussdieaxtsein.de, die alte Blogspot-Adresse wird aber weiterhin bestehen bleiben.

Waidmannsheil,
Eure Axt

Montag, 15. Oktober 2012

Forever: The New Tattoo.



Wie wäre es mal wieder mit einem speziellem Thema? Kommt ja sonst kaum hier vor. Haha. Ich möchte allerdings meinen, dass es mehr tätowierte als yogabegeisterte Axt-LeserInnen gibt, rein statistisch gesehen. Angeblich trägt nämlich ein Viertel der 16-44jährigen eine Tätowierung. Ich stelle mir das immer lustig vor, wenn wir dann irgendwann alle alt sind und als bunte Rentner unsere Rollatoren vor uns her schieben.




Fest steht jedenfalls, dass die avantgardistische Tätowierung in den letzten Jahren einen ziemlichen Hype erfahren hat. Der gestalten Verlag, der die Nase stets dicht am Zeigeist hält, hat dazu kürzlich einen sehr schönen Bildband herausgebracht – Forever: The New Tattoo. Porträts einflussreicher KünstlerInnen mit interessanten Texten von Nick Schonberger dokumentieren den state of the art der zeitgenössischen Tätowierkunst. Im Vorwort stellt der Kunsthistoriker Matt Lodder die aktuellen Entwicklungen der Szene in einen geschichtlichen Kontext.




Forever ist ein sehr hochwertiges, durchdacht gestaltetes Buch, an dem ich wahrscheinlich noch sehr lange Freude haben werde. Ich könnte ewig darin schmökern, lesen, Bilder betrachten. Die knapp vierzig Mäuse ist es wert, finde ich. Und jetzt bin ich neugierig: Seid Ihr tätowiert oder denkt darüber nach, Euch tätowieren zu lassen? Oder könnt Ihr mit dem Thema so gar nichts anfangen?




Die Axt selbst ist mittlerweile einigermaßen bunt, was man auszugsweise hier betrachten kann. Verantwortlich dafür ist übrigens diese talentierte Frau, deren Arbeit ich auf der vorletzten Seite des Buches ebenfalls entdeckt habe.




Dienstag, 9. Oktober 2012

Neil Gaiman: American Gods.

Einer, oder ich glaube eher, es war eine, wollte neulich in den Kommentaren wissen, was eigentlich mein Lieblingsbuch sei. Dasjenige welches. The one true love. Das ist eine dieser Fragen, die mich zu tagelangem Grübeln verdammen, ohne dass am Ende ein befriedigendes Ergebnis dabei herausspringt. Daher murmele ich normalerweise etwas Unverständliches und gehe eilig weg. An diesem Tag jedoch scheint mein axt’sches Alter Ego ohne mich gewaltet zu haben, denn ich antwortete quasi sofort: American Gods von Neil Gaiman.

Aha, also American Gods. Mein Lieblingsbuch. Umso erstaunlicher, dass es hier noch nie aufgetaucht ist – eigentlich sollte es doch auf einem Thron sitzen und ein Partyhütchen tragen. Wahrscheinlich weiß es nichts davon, dass es mein Lieblingsbuch ist. Dann ändern wir das jetzt. American Gods von Neil Gaiman (den ich, wäre ich Bigamistin, immer noch heiraten würde) ist vor bald zehn Jahren erschienen. Der Roman mischt Fantasy mit klassischer und moderner Mythologie sowie amerikanischer Folklore. Ich möchte ihm aber gar nicht irgendein Genre aufzwingen – was das soll, habe ich noch nie verstanden. Sagen wir lieber, er ist eine Wundertüte voll brillanter Einfälle.

Unser Protagonist trägt den vielsagenden Namen Shadow. Shadow wird vorzeitig aus der Haft entlassen, die er für einen Raubüberfall verbüßen musste, denn seine Frau Laura ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Ihr Tod lässt ihn orientierungslos zurück. Auf dem Weg zur Beerdigung lernt Shadow den schrulligen Mr Wednesday kennen, der ihn mit nervtötender Hartnäckigkeit überzeugt, als sein Bodyguard zu arbeiten.

Zusammen reisen die beiden durch Amerika, um Bekannte und alte Weggefährten des Mr Wednesday aufzusuchen, die allesamt nicht besonders vertrauenserweckend scheinen. Gewalttätige, verrückte oder lügnerische Zeitgenossen – aber so ist das halt unter Göttern, denn als solche entpuppt sich das Pack. Wednesday selbst ist eine Inkarnation des Gottes Odin, der andere alte Götter und Helden vereinen will, um in einer großen Schlacht die neuen amerikanischen Götter zu besiegen: Die mächtigen fleischlichen Gestalten des Internets, der Massenmedien, des modernen Verkehrswesens. Das liest sich hier ein wenig pädagogisch, aber Gaiman versteht es, den neuen Göttern Schrecken einzuhauchen. Das Internet ist ein ziemlich gruseliger Geselle. 

Diese neuen Götter sind es, die den Glauben der Menschen binden und ihn von den alten Göttern abziehen. Aber ohne den Glauben werden die alten Götter schließlich ihre Bedeutung verlieren. Aussterben, wenn man so will. Odin und seine Mitstreiter können das natürlich nicht hinnehmen und fordern die modernen Gegenspieler zu einer endzeitlichen Schlacht um den Glauben der Menschheit heraus. Dass Shadow nicht zufällig da reingeraten ist, merkt er selbst zuletzt. Der ist überhaupt ein sehr interessanter Charakter, es wimmelt bei Gaiman geradezu von interessanten Charakteren. Ich möchte wissen, wo der Mann seine Ideen her nimmt. Dort würd ich nämlich auch gern mal Ferien machen.

American Gods ist ein gewaltiges, düsteres, wunderschönes, auch trauriges Buch. In etlichen Rezensionen fallen die Schlagworte „witzig“ oder „komisch“ – und obwohl ich nicht behaupten will, der Roman sei nicht witzig, denn das ist er auf seine Weise, ist es doch die Traurigkeit Shadows, die bei mir Eindruck hinterlässt. Das Gefühl von Abschied, Herbst, Melancholie prägt das Buch, ohne je ins Depressive zu kippen. Dann sind da die erwähnten komischen Momente und die messerscharfen Momentaufnahmen und die großen Strömungen – Gleichgewicht ist das Wort, das die Qualität von American Gods für mich beschreibt. Ein großes Buch, facettenreicher noch als sein ebenfalls sehr guter Nachfolger Anansi Boys, in dem wir einigen Göttern wieder begegnen. 

Ist American Gods nun mein Lieblingsbuch? Ja. Und nein. Man kann sich das so vorstellen, dass es in meinem Herzen ein Regal gibt, auf dem etwa zwei Handvoll Bücher stehen. Schlage ich eins davon auf, ist es mein Lieblingsbuch, solange ich darin lese. Serielle Monogamie, literarischer Harem, you name it. Partyhütchen inklusive.


Freitag, 28. September 2012

Karen Duve: Anständig essen.


Paul McCartney glaubt: Wenn ein Schlachthof gläserne Wände hätte, würde niemand mehr Fleisch essen wollen. Nach der Lektüre von Anständig essen glaube ich: Er hat recht. Denn wenn ein Schlachthof gläserne Wände hätte, könnte niemand mehr sagen, er hätte nicht gewusst, was da drin passiert. Niemand könnte mehr abstreiten, dass ein Schwein oder ein Rind die gleiche Todesangst und die gleiche Qual empfindet, wie ein Mensch sie an diesem Ort empfinden würde. Niemand könnte sich mehr mit dem diffusen Gedanken einlullen, das Tier sei im Grunde eine instinktgesteuerte Maschine ohne komplexere Empfindungen.

Nun ist es ja so, dass wir all diese hässlichen Wahrheiten eigentlich schon wissen. Informationen waren nie so zugänglich wie heute. Und schon vor zwanzig Jahren zeigten die Öffentlich-Rechtlichen Fernsehreportagen über die Grausamkeiten der Massentierhaltung. Wird wieder ein Skandal aufgedeckt, der im Grunde keiner ist, weil höllische Zustände in der industriellen Tierhaltung eher Standard sind, dann sind natürlich alle ganz betroffen: Schlimm, schlimm, diese geschundenen Hühner mit den verkrüppelten Füßen und abgeschnittenen Schnäbeln. Schlimm, diese vor Angst und Schmerz halb wahnsinnigen Schweine, die sich auf besudelten Spaltenböden gegenseitig die Ringelschwänze abbeißen – wenn man sie ihnen nicht schon vorher abgeschnitten hat. Ja, alles ganz schlimm. Für einen Moment.

Die ehemalige Grillhähnchenpfanne-für-2,99-Euro-Käuferin Karen Duve wollte mit Anständig essen im Selbstversuch herausfinden, wie es denn möglich ist, sich ethisch korrekt zu ernähren. Aus diesem Grund wurde sie jeweils einige Monate lang zur Bio-Käuferin, Vegetarierin, Veganerin und schließlich zur Frutarierin – um am Ende eine Entscheidung zu treffen. Die ich natürlich nicht hier und jetzt verrate. Wir begleiten Frau Duve bei ihren Experimenten, die in einer Art Tagebuchform aufbereitet und spannend zu lesen sind. Unterfüttert wird das ganze Projekt mit umfangreichen Recherchen zu den Hintergründen der jeweiligen Ernährungsform und zum Thema Tierethik, Ernährung und (Massen-)Tierhaltung allgemein.

Karen Duve schreibt wie immer plakativ, bildgewaltig, drastisch, mit trockenem Humor. Anständig essen ist dabei ein sehr persönliches Buch – die Autorin hält die eigenen Emotionen, Erfahrungen und Reaktionen nicht heraus. Das tut der Sache gut, denn so werden aus der Informationsflut, mit der wir uns hier auseinandersetzen, zugängliche Szenarien, die mich sehr berührt haben. Ich kann mir auch irgendwie nicht vorstellen, dass dieses Buch jemanden nicht sehr berührt. Derjenige müsste wohl über ein Ausmaß an Ignoranz verfügen, das ich mir nicht ausmalen mag.

Sensibleren Gemütern kann ich sagen, dass es seitenweise fast unerträglich war, der nüchternen Realität der profitorientierten Tierverwertung ins Auge zu sehen. Da gehen Bilder an im Kopf, die für mich manchmal kaum auszuhalten waren. Als ich die Beschreibung des Shuttle-Box Experiments mit Hunden gelesen hatte, musste ich das Buch für einen Abend weglegen. Da war es mir einfach zuviel. Kurz zweifelte ich, ob ich das kann – mir die volle Packung Wirklichkeit geben.

Ja, ich kann. Oder besser gesagt: Ich muss. Auch wenn ich’s lieber nicht möchte. Auch wenn ich so eine schreckliche Mimose bin. Auch wenn ich deswegen Rotz und Wasser heule. Ich musste dieses Buch fertig lesen, und ich werde auch noch weitere Bücher zu diesem Thema lesen, denn ich habe das dringliche Gefühl, dass ich es all diesen namenlosen Geschöpfen schuldig bin, die Wahrheit zu kennen. Wir alle sind ihnen das schuldig. Es ist schlichtweg das Mindeste, was wir tun können. 


Links zum Thema

www.vebu.de
www.stiftung-fuer-tierschutz.de
www.aerzte-gegen-tierversuche.de
www.neuland-fleisch.de
www.peta.de
www.vierpfoten.de

Dienstag, 11. September 2012

Festival der phantastischen Literatur zur Frankfurter Buchmesse


Es hört hier ja gar nicht mehr auf mit special interest, aber das muss noch raus: Im Rahmen der Frankfurter Buchmesse findet ne tolle, unabhängig organisierte Science Fiction & Fantasy Convention statt, die sicher für einige interessant sein dürfte. Wenn ich nicht in Berlin festgetackert wäre mit meinen leidigen Verpflichtungen, wäre ich sehr wahrscheinlich selbst dort.

Ich kopiere Euch, stinkfaul wie ich bin, die Pressemeldung mit näheren Informationen hier rein:

Frankfurt/Dreieich. Zum 27. Mal treffen sich Fans von Science Fiction & Fantasy auf dem Buchmesse Convent (BuCon), Deutschlands führender Independent-Convention für phantastische Literatur. Dieses von der Messe unabhängige Festival des phantastischen Genres findet am 13. Oktober 2012 und damit wie gewohnt parallel zur Frankfurter Buchmesse statt. Prominente Gäste sind Markus Heitz, Tom Finn, Bernhard Hennen, Bernd Perplies, Christoph Hardebusch und viele andere Top-Autoren der deutschsprachigen Phantastik-Szene. Erstmals zu Gast sind der Erfolgsautor Kai Meyer, sowie der Darmstädter Autor Artur Rümmler, der in seinem Roman "2040" einen dystopisch angehauchten Blick auf die Zukunft der Region Südhessen wirft.

Veranstalter ist eine erfahrene Gruppe langjähriger, in der Phantastik-Szene aktiver Fans in Kooperation mit dem Science Fiction Treff Darmstadt, bundesweit bekannt durch die außerordentlich erfolgreichen "Darmstadt SpaceDays" sowie dem Jugendclub WIRIC im Bürgerverein Buchschlag e.V. und den Bürgerhäusern Dreieich.

Auf vier mehrstündigen Programmschienen mit Lesungen, Präsentationen und Diskussionsrunden bieten die Veranstalter für jeden etwas. Autogramm- und Signierwünsche werden gerne (und vor allem kostenlos) erfüllt.

Im unteren Foyer setzt eine Kunstausstellung optische Akzente. Aussteller sind der Marburger Künstler und Autor Mark Staats, sowie der Darmstädter Grafiker Ingo Lohse.

Es wird demonstriert, das utopisch-phantastische Literatur nicht zwangsläufig trivial sein muss. Bereits George Orwell, H.G. Wells und Jules Verne boten in ihren Werken Visionen und Vorraussagen, die heute zur alltäglichen Realität gehören. Und werke, wie das Fantasy-Epos "Der Herr der Ringe" des englischen Professors J.R.R. Tolkien zählen heute zur Weltliteratur. Natürlich darf aber auch der unterhaltende Spannungsroman nicht fehlen. Die Veranstalter zeigen, dass trotz "Star Wars", "Stargate" und "Star Trek" das phantastische Buch nicht tot ist, sondern durch den Einsatz moderner Technik, sowie der Möglichkeiten des Internets gerade heute wieder eine ungeahnte Renaissance erlebt. In Deutschland kann Science Fiction und gerade Fantasy ein durchaus eigenständiges, vom anglo-amerikanischen Raum unabhängiges Profil vorweisen. Der Buchmesse Convent präsentiert die gesamte Bandbreite, vom Groschenroman bis zum bibliophilen Werk. Fan-Sein bedeutet nicht sturer Konsum, sondern kritische Auseinandersetzung mit dem Autor und seinem Werk. Wohl nirgendwo anders ist die bundesdeutsche Science Fiction- & Fantasy-Autoren & -Leserszene so lebendig, als auf dieser messeunabhängigen Traditionsveranstaltung, zu der wieder über 380 Besucher, Autoren und Verleger aus dem gesamten deutschsprachigen Raum erwartet werden. Kostümierte Besuchermassen wird man auf dieser literarisch orientierten Veranstaltung allerdings vergeblich suchen.

Höhepunkt der Convention ist traditionell die Verleihung des "Deutschen Phantastik Preises" (DPP), der in mehreren Kategorien per Internetabstimmung (www.deutscher-phantastik-preis.de) ermittelt wird.

Zum Abschluss der Veranstaltung wird zu einem Konzert mit der Gruppe "Elfenthal" eingeladen, die mit ihrem "Early Music Ensemble" auf ihrer Deutschlandtournee im Bürgerhaus von Dreieich-Sprendlingen gastiert. "Elfenthal" wird von der spanischen Opernsängerin Maite Itoiz und ihrem Mann John Kelly (Ex-Kelly Family) geleitet und präsentiert ihr mittelalterliches Programm: "The Return of the Kings". Anlass ist der 50. Geburtstag des Dreieicher Jugendclubs WIRIC. Das Konzert ist im Eintrittspreis enthalten. Die Laudatio hält der Autor Bernhard Hennen.

Wie jedes Jahr, kommt man bereits am Freitag, den 12.10., ab 20 Uhr zum Einstimmungstreffen zusammen. Den Ort findet man auf der Homepage. Am Samstag, den 13.10., ist ab 10 Uhr Einlass. Der Eintritt beträgt an der Tageskasse 10 Euro, Ermäßigungen sind möglich. Das Ende des Convents ist für 22 Uhr vorgesehen. "Convention Center" ist das Bürgerhaus in Dreieich-Sprendlingen, Fichtestrasse 50.

Begleitet wird die Veranstaltung von einer gut sortierten Phantastik-Börse. Zahlreiche Anbieter tragen mit ihrem Angebot vom antiquarischen Buch bis hin zur DVD zur Vervollständigung mancher Sammlung bei. Ergänzt wird das Angebot durch verschiedene Kleinverlage und Autorenstände.

Informationen, sowie eine ausführliche Programmübersicht findet man im Internet unter der Adresse:

http://www.buchmessecon.info

...oder im Sozialen Netzwerk Facebook unter:

http://www.facebook.com/BuchmesseConvent

Mittwoch, 5. September 2012

Schimpfen mit Shakespeare.

Herzhafte Beleidigungen im öffentlichen Leben sind ja so eine Sache. Einerseits ist es wichtig für die seelische Hygiene, sein Missfallen in deutlichen Worten zum Ausdruck zu bringen. Das erleichtert. Und bietet ein unkompliziertes Ventil für aufgestaute Kreativität.

Dummerweise sind Beleidigungen, sofern sie als solche identifiziert werden, ganz schön strafbar. Dabei muss man nicht einmal so weit gehen, seinen Chef als "grindigen Arsch einer Hartgeldhure" zu bezeichnen. Die sogenannte Ehrverletzung kostet auch schon Geld, im schlimmsten Fall geht man dafür glatt in den Knast. Doch, tatsächlich.

Deshalb empfiehlt es sich, stilvolle und möglichst unverständliche Beleidigungen zu wählen. Im Zweifel beruft man sich auf sein Recht, Shakespeare frei zu zitieren. Das stets hilfreiche Internet hat da mal was vorbereitet: Das Shakespeare Insult Kit. Man nehme jeweils einen Begriff aus jeder der drei Sparten und setze ein "Thou" davor.


Kleine Auswahl stilsicherer Beschimpfungen für den wütenden Literaturfan.

Ich verwette meinen saucy bat-fowling puttock, dass hierzulande kein Mensch in der Lage ist, die ihm an den Kopf geworfene Beleidigung auf einer Polizeiwache zu rezitieren. Ein bisschen ist das so, wie wenn man jemandem im Hochsommer mit einem Eiszapfen ersticht. Mordwaffe? Welche Mordwaffe? Aber ich schweife ab.

Macht's gut, Ihr artless boil-brained flax-wenches!



Mittwoch, 15. August 2012

Myla Goldberg: Böse Freundin.



Die Axt holzte durch den Schwarzwald, schrieb Texte und entdeckte Waldgötter. Dazu liest sie gern dunkle Geschichten, die mit den tiefen Schatten und würzigen Düften des Waldes harmonieren. Myla Goldbergs Böse Freundin schien mir perfekt: Ich sah mich schon mit Rotwein und einem Schauer im Nacken bei Kerzenlicht schmökern.

Das wurde nichts. Ich bin stattdessen ein wenig bestürzt über die Sinnlosigkeit dieses Buches. Erzählungen von bösen kleinen Mädchen haben eigentlich viel Potential, sollte man meinen.

Also: Erwachsene Frau kehrt in ihre Heimatstadt zurück, um nach zwanzig Jahren die bittere Wahrheit über das Verschwinden ihrer Schulfreundin zu beichten, die passenderweise ein äußerst bösartiges Kind gewesen ist. Das klingt doch ganz gut, oder? Jugendliche Soziopathen, verdrängte Erinnerungen, Spurensuche auf erkalteten Pfaden - Schlagworte, die ordentlich Spannung versprechen.

Aber nein. Böse Freundin ist mitnichten spannend erzählt, sondern gestaltet sich dermaßen langatmig, dass ich schon nach dem ersten Kapitel unter heftigem Angeödetsein litt. Das will etwas heißen, denn bekanntlich bin ich die Frau, die sogar dem haarsträubenden »Aurora-Effekt« einen gewissen Lesespaß abtrotzte. Tja, goldene Zeiten waren das. Böse Freundin nervt mit total unmotivierten Figuren, einer quälend zähen Handlung und einem extrem unbefriedigenden Ende, das schlicht Phantasielosigkeit nahelegt.

Protagonistin Celia schafft es, von der ersten bis zur letzten Seite keine einzige interessante Eigenschaft zu offenbaren. Ihre seltsamen Gedankensprünge deuten ständig irgendetwas an, um dann zu nichts zu führen. Die Dialoge sind einfach nur hölzern und unglaubwürdig. Ich kenne keine einigermaßen vernunftbegabten Menschen, die auf diese Weise miteinander kommunizieren. Celia, die von ihren Eltern und ihrem wahnsinnigen Freund auf schrecklich nervtötende Art immer »Cee-Cee« oder »Ceel« genannt wird, scheint kräftig einen an der Waffel zu haben. Ohne dass dies von der Autorin beabsichtigt wäre.

Die ganze Geschichte kommt daher wie ein Diorama: mit lebensecht angeordneten Elementen und hübschem Anstrich, aber blutleer wie ein ausgestopfter Fuchs. Apropos »wie ein« ... noch nie zuvor ist mir in einem Roman eine derartige Masse wahlloser Analogien aufgefallen. Dauernd reihen sich Häuser auf wie Perlenketten, hängen Handschuhe herum wie Fledermäuse, gleiten Limousinen wie Förderbänder. Diese und ähnliche Beobachtungen erwecken gelegentlich den Anschein, für die Geschichte relevant zu sein, aber sie sind es nie, was auf Dauer jeglichen detektivischen Elan im Leser erstickt. Die Erwähnung des klassischen alternden Polizisten, der von dem mysteriösen Fall des verschwundenen Mädchens geradezu besessen sei, lässt eine Weile hoffen – aber der Typ taucht nie auf, der existiert offenbar nur für die Dauer dieses Nebensatzes. Ich meine, WTF?!!!!

Irgendwann verrieten die wenigen verbleibenden Buchseiten, dass mit einer packenden Wendung nicht mehr zu rechnen sei. Entsprechend anspruchslos las ich dem Schluss entgegen, dessen einzige Überraschung darin bestand, noch unspannender zu sein als vermutet.

Schade ist’s freilich um die Geschichte, die vielen losen Fäden und toten Enden, die mit dem Zuklappen des Buchdeckels in der Bedeutungslosigkeit versinken. Ein letzter Wermutstropfen: die Übersetzung, die mich regelmäßig daran zweifeln ließ, ob die Autorin das jetzt allen Ernstes so geschrieben haben soll.

Wer sich für vierzehn neunundneunzig die seltene Erfahrung ultimativer Ratlosigkeit gönnen will, sollte dieses Buch unbedingt kaufen. Alle anderen investieren das Geld lieber in eine Flasche Schnaps, die macht mehr Spaß.


Dienstag, 17. Juli 2012

Wenn die Axt Bücher schriebe...

...sähen die vermutlich so aus. Grobe Werkzeuge, was will man machen.

Wird vermutlich nie als broschierte Ausgabe erscheinen: Das Axtbuch.